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Dr. Hohenadl hält einen Vortrag

SATIRE

14/03/24 Seiner Cousine Charlotte hatte Dr. Hohenadl noch nie etwas ausschlagen können. Aber diesmal hoffte er, ungeschoren davonzukommen und wehrte sich so lange mit Ausreden, bis ihm keine mehr einfielen. Sie sprach von einer Reisegruppe aus Bowling Green in Ohio, die auf einer Europatour nach Wien kommen werde.

Von Werner Thuswaldner

Auf dem Programm stünde auf ihren Vorschlag hin unter anderem ein Vortrag über Kaffee und die berühmte Kaffeehauskultur in Wien. Anschließend werde man das Cafe Hawelka besuchen. „Das Kaffee-Thema ist meine Idee. Sie sollen etwas Originelles geboten bekommen. Lauter Lehrer von der Universität Bowling Green. Du weißt, ich habe dort während meiner Studienzeit vier Gastsemester verbracht. Wer könnte einen besseren Vortrag über Kaffee und Wien halten als du? Du bist drinnen in der Materie wie sonst keiner. Wofür sich ein anderer wochenlang intensiv vorbereiten müsste, das schüttelst du aus dem Ärmel. Ich glaube ernsthaft, du könntest den Vortrag aus dem Stegreif halten.“

Schließlich sagte Dr. Hohenadl mit einem unguten Gefühl im Bauch zu. Ja, es stimmte, er ging hie und da ins Kaffeehaus und trank einen kleinen Braunen. Das tat er einerseits, um in bescheidenster Form seiner Leidenschaft zu frönen, andrerseits, um seinen Beitrag zu leisten, Wiens Ruf als die Stadt der Kaffeehauskultur ja nicht verblassen zu lassen. Kaffee zu genießen, das dürfe ja nicht zu einem Anhängsel der Fastfood-Unkultur werden. So wie er dachten viele Wienerinnen und Wiener. Davon war Dr. Hohenadl überzeugt. Der Patriotismus trieb sie in die Cafes und dort führten sie sich dann so auf, wie sie glaubten, dass die bedeutenden Exponenten der Kaffeehauskultur in der Vergangenheit sich aufgeführt hatten.

Zu Hause trank Dr. Hohenadl schon lang keinen Bohnenkaffee mehr. Zu Hause trank er Kafeeersatz. Warum er umgesattelt hatte, davon haben wir an diesem Ort schon erzählt. Dr. Hohenadls Umstellung ging nicht ohne Gewissensbisse vor sich. Käme seine Abkehr vom Bohnenkaffee an den Tag, wäre er dann mit der Abschiebung aus Wien bedroht?

Hatte Wiens Ruf in der Welt nicht mit der einzigartigen Kaffeehauskultur zu tun? Und er war nun dabei, genau diese Kultur zu verraten. Aus diesem Grund kam ihm Charlottes Wunsch, einen Kaffeevortrag gleichsam als ein Stück Wiedergutmachung vor den Gästen aus Ohio zu halten, fast ein bisschen gelegen.

Die Zeit für die Vorbereitung war knapp. Er kratzte zusammen, was er alles zum Thema wusste. Einige Wissenslücken füllte er im Kaffeekompetenzzentrum in der Vogelsanggasse. Von dem schrecklichen Namen der Institution ließ er sich nicht abschrecken. Um einen lebendigen, für den Vortrag inspirierenden Eindruck vor Augen zu haben, machte er eine zweitägige Tour durch ein paar prominente Cafes, das Weidinger, Korb, Ritter, Westend, Eiles, Bendl, Hummel, Griensteidl, Sperl und Landtmann. In keinem der Cafes setzte er sich hin, die Tour hätte ihn sonst ein kleines Vermögen gekostet. Er tat jedes Mal so, als würde er nach Bekannten Ausschau halten, versuchte aber so schnell es ging, so viel wie möglich von der Atmosphäre in sich aufzusaugen, schaute sich das Publikum an und sah sich um, ob die Tische wohl Marmorplatten versehen waren, ob Thonetstühle dastanden und ob genügend Zeitungen auslagen. Im Landtmann nahm er heimlich die Karte mit, weil er die Seiten mit den Kaffeesorten auswendig lernen wollte.

Dr. Hohenadl war nervös, als er vor der Reisegruppe aus Bowlinggreen stand. Es waren durchwegs ältere Herrschaften, die ihn freundlich und erwartungsvoll ansahen. Charlotte hatte ihm gesagt, sie litten alle unter Jetlag, daher solle er Nachsicht haben und es nicht persönlich auffassen, wenn der eine oder die andere während seines Vortrags einschlafe.

Dr. Hohenadl schilderte so dramatisch wie möglich die Belagerung Wiens durch die Türken. Man glaubte die Detonationen, das Geschrei und das Pferdegewieher leibhaftig zu vernehmen und ruhiger wurde es erst, als die Türken geflüchtet waren und einsam etliche Säcke mit Kaffeebohnen dastanden. Von der Glanzzeit Wiens erzählte Dr. Hohenadl, als die Kaffeehäuser kleine Kulturzentren waren, in denen die Künstler herumsaßen, weil sie kein Geld hatten, um daheim einzuheizen. Sie zauberten Kunstwerke auf die Servietten und die Dichter schrieben, angeregt durch den vom Kaffee ausgelösten Kreativschub, in winziger Schrift Weltliteratur darauf. Architekten verließen, wenn ihnen rein gar nichts mehr einfiel, ihre Ateliers, eilten ins Kaffeehaus und hatten dort im Handumdrehen die zündenden Ideen, die Wien als Stadt zukunftsweisender Architektur in der ganzen Welt berühmt machten.

Zum Teil treffe das auch heute noch zu. Nie könne man sicher sein, ob der Mann oder die junge Frau am Nebentisch nicht ein Genie, vielleicht sogar eine künftige Nobelpreisträgerin sei. Daher werde die Aura des Cafes in einem fort mit einer geheimnisvollen Spannung aufgeladen. Verleger gingen mit dunklen Brillen und falschen Bärten von Tisch zu Tisch und hoben auf den Boden gefallene Blätter auf. Gelegentlich rauften sie sich um ihre Beute, die Polizei musste zum Schlichten gerufen werden. Die Kellner mit ihrer angeborenen Freundlichkeit beschrieb Dr. Hohenadl als Psychologen vom Feinsten, alle hindurchgegangen durch die Schule Sigmund Freuds und daher in der Lage, Wahnvorstellungen und die Neigung zur Hysterie der Besucherinnen und Besucher durch die Anwendung suggestiver Methoden effektiv zu behandeln.

Charlotte, die stets ganz hinten stand, machte Zeichen. Mit beiden Händen vollführte sie eine Geste, als wollte sie eine aufsteigende Wolke nach unten drücken oder eine unverhältnismäßige Emotion dämpfen. Dr. Hohenadl verstand sie ganz richtig als Aufforderung zur Besänftigung. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits drei von den zwölf Zuhörern eingeschlafen und die anderen hatten die Augen zwar offen, waren in Wirklichkeit aber auch nicht mehr wach.

Dr. Hohenadl brach ab und verfiel ins Grübeln. Denn eigentlich war er erst am Anfang seiner Ausführungen. Wie gern hätte er seinem Publikum noch vom Kaffeesiederball erzählt, wie gern hätte er die Landtmann-Karte mit den Dutzenden Kaffeesorten aufgezählt, vom Kapuziner, über den Obermayer bis zum Überstützten Neumann. Und wie sehr hatte er sich darauf gefreut, in verdutze Gesichter zu schauen, weil er sich geoutet und seinen eigenen Gerstenkaffe als den besten der Welt über den grünen Klee gelobt hätte. Denn sein öffentlicher Auftritt hätte seiner Meinung nach der Anfang einer Initiative für eine Offensive sein können, mit der die von ihm hoch gehaltene geröstete Gerste sich als die bedeutende Alternative zur Kaffeebohne hätte präsentieren sollen.

So aber schaute er hilflos zu Charlotte in der letzten Reihe. Sie stand auf und klatschte in die Hände. Die anderen erschraken, wachten auf und taten es ihr sofort nach. Zögernd brach man auf ins Hawelka.

Werner Thuswaldners Prosaband „Die Welt des Dr. Hohenadl. Ansichten eines gelernten Österreichers“ ist 2019 bei Ecowin erschienen
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Aus dem produktiven Leben eines Knauserers
Zur Folge Dr. Hohenadl trinkt Ersatzkaffee

 

 

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